Ballenstedt, 10.06.2019

I: Du meinst, dass man eigentlich 2 Stunden für den Kreuzworträtselfall braucht, ja?

B: Ja, brauche ich mindestens.

I: Okay, dann fangen wir jetzt einfach an und dann schauen wir, wie weit wir kommen.

Kreuzworträtselmord

Ich kann mich erinnern, dass du mir von dem Fall schon mal erzählt hast, auch das sehr bedeutend war. Warum, das würde mich interessieren, war er so bedeutend?

B: Bedeutend war er, weil es ein Kapitalverbrechen war, was eigentlich so in der Art kaum in der DDR vertreten war. Also so krass und so aggressiv. Das war 1981 und es war das erste Mal, dass über einen Fall eine Information an die Tageszeitung Freiheit des Bezirk Halle gegeben wurde, nur eine kleine Information. Das war also das Seltsame dabei. Sonst wurde ja immer über Kriminalität nicht berichtet.

I: Öffentlich nicht berichtet?

B: Es wurde überhaupt nicht berichtet über Straftaten oder über Kapitalstraftaten oder Verbrechen. Ja, das war 1981. Bemerkt wurde diese Angelegenheit, während des Zugverkehrs zwischen Halle und Leipzig wurde ein Koffer gefunden von ein Bahnwärter, oder Streckenwärter nannten die sich. Die sind immer die Strecken abgelaufen und haben festgestellt, ob die Schrauben und die Gleise in Ordnung sind und der eine Streckenwärter hat einen großen Koffer gefunden. Natürlich dachte er, dass es ein großer Schatz ist. Und als er den Koffer aufgemacht hat, hat er diese erschreckliche Sache dort darin gesehen.

I: Eine Leiche?

B: Eine Leiche. Also, die Arme abgetrennt, die Beine abgetrennt und nur der Torso und Kopf war noch da und alles war in Plastiktüten

I: Die Gliedmaßen und der Kopf waren alle in dem Koffer?

B: Ja, ja. Also alles in dem Koffer drinnen. Der war ja zu, der hat ihn aufgemacht und die Teile waren auch ausgeblutet. Also waren schon ausgewaschen und ausgeblutet.

I: Das hat derjenige vorher schon gemacht, ausbluten lassen?

B: Ja, ja, das war also ausgewaschen. Die MUK, also die Morduntersuchungskommissare, die in Halle im Bezirk wurde dann sofort verständigt. Zum Einsatz kam die Kriminaltechnik und was alles dazu gehört. Spurensuche und, und, und, wurde alles eingeleitet. Die Gerichtsmedizin hat dann die Teile untersucht und hat versucht festzustellen, wer dieser junge Mensch oder dieses Kind war.

I: Das war ein Kind?

B: Das war ein Kind. Sieben Jahre war er.

I: Das wusste ich zum Beispiel nicht.

B:  Es waren ja keine Papiere dabei, deswegen wusste man am Anfang überhaupt nicht wer er war. Der Körper war nackt, ja. Waren keine Sachen und nichts dabei. So, dann wurden die notwendigen Maßnahmen, die Ermittlungstätigkeit wurde aufgenommen. Einmal von der MUK, wir waren ja acht Leute nur im Bezirk, die ständig für den ganzen Bezirk verantwortlich waren. Es mussten noch viel mehr Leute hinzugezogen werden. In Halle-Neustadt wurde dann festgestellt, dass eine Vermisstenmeldung einlag. Und daraufhin war es also schnell möglich herauszufinden, wer dieser Junge war.

I: Das war der Junge, der vermisst wurde, oder?

B: Ja, ja, das war der Junge. Damals gab es das noch nicht mit diesen DNA Abgleich und so mussten wir Erkundungen über das Gebiss, die Zähne, Blut und irgendwelche Merkmale am Körperbau einholen. Wir konnten aber dann schnell feststellen, wer die Eltern waren.

Und, naja, es wurde dann ein Zeitungsartikel veröffentlich, mit Fragen, wer den Jungen gesehen hat und wo und welche Zeit. Es kamen viele Informationen herein, aber nichts Verwertbares. Und die Kriminalisten haben Befragungen durchgeführt, na ja, die Klinkenputzerei, so haben wir das immer genannt. Oben in dem Gebiet, in Halle-Neustadt war ja bekannt, dass nicht so gute Leute dort wohnten. Und das ging eine ganze Zeit immer nur um die Aufklärung in der Familie, das war sehr einseitig. Und der damalige Chef hat nichts anderes verfolgen lassen. Das war nicht so gut. Er wurde nach einiger Zeit abgelöst. Es kam ein guter Stellvertreter der die Aufgaben übernahm

I: Wie viele Leute waren das insgesamt die an dem Fall gearbeitet haben?

 B: Zuletzt waren wir ungefähr 130. Es gab mehrere Ermittlungsrichtungen. Zum Beispiel wurden die Straftäter, die schon vorbestraft waren erneut untersucht oder Ermittlungen vom Spielplatz aus, wo der Junge weggelockt wurde. Es war ja Ferienzeit.

I: Er wurde vom Spielplatz weggelockt?  Waren die Eltern nicht da in dem Moment?

B: Nein, die waren ja arbeiten. Der Junge war in der Betreuung und nachmittags alleine. Das ist nachmittags dann passiert. Ja und eine andere Ermittlungsrichtung war, dass wir in dem Koffer eine Zeitung, die Freiheit gefunden haben. Und dort war ein Kreuzworträtsel darin, das war ausgefüllt. Wir haben uns gut beraten und haben dann gesagt: „Wir werden uns darauf mal sehr konzentrieren.“ Beim Kreuzworträtsel hast du ja keine Schreibschrift, sondern Druckschrift vorliegen oder ähnliche Schriftzeichen wie in der Druckschrift. Daraus wurden viele Buchstaben herausgesucht und wir haben einen programmierten Text gemacht, in dem die Buchstaben vorkamen. So und dann wurde das vervielfältigt. Die Ermittler kriegten dann Kopien und sind in den Blöcken zu den Familien gegangen und haben sie gebeten, diesen Text nach zu schreiben. Das war natürlich eine ganze Menge.

I: Wie viele Leute wurden da gefragt?

B: Zu 85, 90 Prozent waren die Leute alle einverstanden.

I: Gab es keine Probleme?

B: Probleme haben wir auch gehabt. Das waren meistens so Mitarbeiter der Bezirksleitung der SED oder Kreisleitung der SED oder so Funktionäre dabei. Die haben sich geweigert.

I: Aber warum? Was war der Punkt?

B: Na ja, großkotzig, die dachten: Was für eine Spinnerei. Aber wir haben nicht eingegriffen. Wir haben uns auch nicht an die Partei gewandt. Es wurde ja auch noch eine Zusammenarbeit mit dem MfS gemacht, von der Bezirksverwaltung der Staatssicherheit. Und diese haben sich darum gekümmert. Und von denen haben wir dann alle Informationen erhalten. Da gab es keine Diskussionen. Und uns haben sie nicht für voll genommen, aber dort gab es wahrscheinlich härtere Worte.

Und dann kam die Auswertung. Wir hatten im Bezirk zwei Graphologen. Und dann war noch ein Schriftsachverständiger in Dessau. Und dann wurde die Methode erweitert. Wir sind in die Betriebe gegangen. Das war aber abgesprochen mit der Bezirksstaatsanwaltschaft, dass wir dort mit den Kaderabteilungen zusammenarbeiten konnten. In der Zeit hatten wir dann auch viel mehr Verstärkung, wir Kriminalisten. Die Konzentration war vor allem in Leuna und Buna-Werken. Zum Schriftvergleich waren dann 27000 Schriftproben vorhanden.

I: Wie lange hat das gedauert?

B: Das hat mindestens ein Vierteljahr gedauert. Vier Graphologen haben daran gearbeitet.

Und ich weiß noch, wie der Eine sagte: „Weißt du.“ Ich sehe den noch vor mir so. Der sagte: „Weißt du, wenn ich herausfinde, dass zu 99 oder 98 Prozent eine Übereinstimmung auftaucht, dann komme ich hier auf allen Vieren die Treppen hoch und schreie vor Freude“

Und nach ziemlich langer Zeit kam er wirklich, nicht auf allen Vieren, aber alle haben einen Freudentanz gemacht. Und die gesuchte Person war eine Frau. Die wohnte in Halle-Neustadt mit ihrer Tochter und war in Leuna beschäftigt. Das ging ja aus dem Fragebogen hervor. Wir hatten den Fragebogen von der Frau. Wir wussten dann, wer es ist.

I: Der Fragebogen beinhaltete Name und Adresse?

B: Der Fragebogen sah aus wie wenn du heute einen Personalbogen ausfüllen must.

I: Das heißt das Ausfüllen des Fragebogens, war die Schriftprobe?

B: Ja, der Fragebogen musste ja mit Druckschrift ausgefüllt werden. Name, Adresse und das Ganze. Und der Vergleich war eindeutig, dass es die Frau war. Das war erstmal wunderbar. Wir sind dann sofort in die Wohnung, aber keiner war da. War alles verschlossen in Halle-Neustadt in dem Block. Ich glaube, das war das blaue Wunder, der riesengroße Block war das, eine Dreiraumwohnung. Die Nachbarn sagten uns, dass die Frau eine ganze Zeit schon nicht hier ist. Sie war an der Ostsee vom Betrieb, von Leuna aus. Die haben da ein Ferienlager und Ferienobjekte gehabt. Und dort ist sie immer eingesetzt worden in den ganzen Ferien oder während des ganzen Sommers. Sie hat dort saubergemacht und alles so was. Und wir sind dann zum Betrieb gefahren und die haben uns dann bestätigt, wo sie ist. Und dann sind wir da hoch, nach Binz gefahren oder war es Prerow? Hm, ich kann mich nicht erinnern. Prerow, glaube ich, Prerow war es. Sind wir nach Prerow hoch und haben dann mit der Frau gesprochen, eine Befragung gemacht. Also keine Vernehmung, erst einmal eine Befragung gemacht. Und aus der Befragung ging hervor, dass sie ein offensichtliches Alibi hatte, sie war nicht in Halle-Neustadt, sondern war die ganze Zeit an der Ostsee. Aber sie lebte mit ihrer Tochter in der Wohnung in Halle/Neustadt. Und die Tochter hatte einen Freund.

I: Wie alt war die Tochter?

B: Die Tochter war vielleicht, so 18. Und der Freund, der war 19, glaube ich. Er wurde 19, ja. Sie arbeiteten beide in Friedrichroda in Thüringen in FDGB-Heimen. Sie war in der Küche und der Freund, der war im Hausmeisterdienst. Das war ein großes FDGB-Heim, weißt du? Friedrichroda, das ist am Inselsberg, hinter Gotha.

Sie hatten ein paar Tage Urlaub und waren in der Zeit in der Wohnung der Mutter in Halle-Neustadt. Wir sind nach Friedrichroda gefahren und haben dann dort zuerst mit der Freundin gesprochen. Sie berichtete, dass sie drei Tage eher anfangen musste mitarbeiten und ist dann losgefahren und ihr Freund ist drei Tage in der Wohnung alleine geblieben. Und, na ja, wir haben dann den Freund gleich genommen. Das musste er sein.

I: Wie hat der reagiert, also als ihr kamt?

B: Na ja, der ist sofort zusammengebrochen, der hat nicht viel Mätzchen gemacht. Der hat gleich groß gestanden, nicht? Er hat gestanden, das er den Jungen unter fadenscheinigen Versprechungen weggelockt hat. In der Wohnung hat er ihn eben mehrmals sexuell missbraucht. Und hatte danach Angst gekriegt, dass wenn er ihn freilässt, das der Junge ihn verraten würde. Dann hat er ihn erwürgt und in die Badewanne gelegt und dann hat er ihn zerstückelt. Mit einem Messer zerstückelt. Und hat dann auch das Blut alles schön weggespült in der Badewanne. Die Leichenteile hat er dann in den großen Koffer gepackt und ist dann Richtung Friedrichroda gefahren, von Halle nach Leipzig. Dort musste er sowieso umsteigen. Unterwegs hat er den Koffer herausgeschmissen. Ist nicht aufgegangen, der Koffer. Der war wahrscheinlich stabil. So und dann haben wir ihn eben mitgenommen und verhaftet.

I: War das seine erste Tat?

B: Das war seine erste Tat. Er neigte dazu, hat schon immer mal geliebäugelt damit. Und dann kam die Gelegenheit. Der Junge ist wahrscheinlich sehr freiwillig mitgegangen. So ist das gewesen. Ja und da war er überführt. Das war natürlich eine aufwändige Ermittlungstätigkeit. Die über bald fünf Monate ging die. Das war ja eine kolossale, aufwändige Sache mit den Schriftüberprüfungen, das war einmalig so etwas. Heutzutage würde das gar nicht mehr funktionieren, weil das viel zu viel Geld kosten würde. Und wir hatten ja nicht die Technik wie heute, nicht? Waren auch nicht so ausgerüstet, mit so einen Haufen Autos wie heute. Wir hatten ein paar PKWs, mehr hatten wir nicht. Das war eben sehr, sehr enorm.

So, der wurde dann zu lebenslänglich verurteilt, weil er über 18 war. Damals warst du ja in der DDR mit 18 strafmündig. Warst du erwachsen. Und zur Wende 1990 wurde er übernommen. Ein bisschen später wurde er aus der Haft entlassen.

I: Warum wurde er so früh dann entlassen?

B: Weil er in der Bundesrepublik eigentlich als Jugendstraftäter bis zehn Jahre verurteilt werden konnte. Und das haben sie zurückgestuft und haben nur die zehn Jahre angerechnet. Er war ja noch ein bisschen länger wie zehn Jahre drinnen. Weiß ich nicht, ein Viertel- oder halbes Jahr länger. Er hat Entschädigung gekriegt, die Zeit, die er zu lange drinnen war. Also es war damals ein bisschen kurios, was sie da gemacht haben. Die Straftat, die er begangen hat, die war ja sehr intensiv. Aber das wurde so entschieden. Er ist dann freigekommen und wie mir bekannt ist, ist er so Ende der neunziger Jahre gestorben an irgendeiner Krankheit.

I: Ist er nochmal rückfällig geworden?

B: Nein, nein. Die ganzen Jahre nicht.

I: Gab es psychologische Betreuung für solche Menschen zu DDR-Zeiten?

B: Na ja, in der DDR-Zeiten gab es richtig viel, wenn du lebenslänglich gekriegt hast.

I: Was heißt lebenslänglich eigentlich? Wie viele Jahre waren das?

B: Also 15 Jahre mindestens und 25 Jahre waren das meistens. Und wenn die herauskamen, hat jeder dann seine Wohnung gekriegt, einigermaßen eingerichtet, nicht irgendwie. Und es wurde sofort Arbeit für sie verschafft und wer eben nicht arbeiten ging, der wurde dann eben nach dem Paragraf 249 wieder in Haft gebracht. Ein Jahr gingst du dann ins Gefängnis. Denn du hast ja eine Arbeit gekriegt und ohne Arbeit, es gab ja keine Unterstützung wie heute. Sozialhilfe, so etwas gab nicht in der DDR. Es gab ja keine Arbeitslosen. Wir hatten eine ganze Kompanie von denen, wo das Innere sich darum kümmern musste, weißt du? Das war ja zu DDR-Zeiten schon schlimm. Das war der Paragraf 249, ist halt asoziales Verhalten mit Straftat. Ja und der Paragraf 249 wurde 1975 abgeschafft, als das mit Helsinki war.

I: Was war mit Helsinki?

B: Da war doch die Konferenz über Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa, da ging es auch um Grenzsicherungenmit Schusswaffen und so was.

Todesstrafe DDR

I: Wenn wir schon bei Paragrafen sind: Es gab ja auch lange Zeit, dass die Todesstrafe zu DDR-Zeiten noch?

B: Die Todesstrafe, ich habe es gerade noch einmal durchgelesen. Hier ist mein altes Strafgesetzbuch, das blaue Buch. Da habe ich während meiner Studienzeit einiges hineingeschrieben. Das kannst du gerne mal lesen. Die Todesstrafe, die wurde 1987 abgeschafft. Reicht für heute!

I: Ich wollte noch eine Frage stellen. Gab es irgendein Verbrechen das mit Kunst zu tun hatte?

Kunstdiebstähle

B: Mit Kunst? Ja, ja, klar gab es auch so etwas. Das waren die Kunstdiebstähle, aber damit haben wir weniger zu tun gehabt. Das war wieder eine andere Abteilung, Allgemeine. In Museum wurden ordentlich Dinge geklaut und in die Kirchen sind sie eingebrochen und haben dort irgendwelche wertvollen Dinge immer herausgeholt. Denn das war doch in der DDR nicht so, dass das alles abgesichert worden ist wie heute. Das war noch einfacher. Nur es war nicht so einfach, das an die Hand zu bringen, nicht? Wenn es große Kunstdiebstähle waren, dann waren das meistens Aufträge. Und dann waren das welche vom Westen.

So, jetzt machen wir aus.